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göttingen

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Rao
Fu

04.11. – 23.12. 2012

Chimerika

Kuratiert von Constanze von Marlin

Mit der Ausstellung „Chimerika“ präsentiert der Kunstverein Göttingen umfassend das malerische Werk des chinesischen Künstlers Rao Fu. Seine Bildwelten sind von den unterschiedlichen Kulturen des Ostens und Westens geprägt, wie auch seine eigene Biografie diese beiden Pole vereint. Geboren in Peking und aufgewachsen in Tsingtau kam Fu mit Anfang 20 nach Deutschland, um an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden Malerei und Grafik zu studieren. Was er dort an westlichen Kunsttraditionen lernte, verbindet er mit Techniken, Motiven und Materialien chinesischer Malerei, deren wichtigste Utensilien Papier, Pinsel und Tusche sind. Nach einigen Experimenten – unter anderem mit Sojaöl – entdeckte er Bitumen als Farbe, die er bis heute in Kombination mit Pigmenten und Ölfarben verwendet. Weil das schwarz-braune, ölige Bitumen wasserlöslich ist, verbindet es Eigenschaften westlicher Ölmalerei mit der Ausdrucksvielfalt von chinesischer Tuschemalerei. Je nach Wahl des Pinsels, der Saugfähigkeit des Papiers und der Dosierung der Wassermenge lässt sich die Intensität des Farbauftrags nuanciert steuern. Feinste Ausarbeitung von Details ebenso wie eine sparsame, fast grobe Linienführung, mit der sich ein Motiv mit wenigen Strichen andeuten lässt, finden sich auf den Bildern von Rao Fu, wobei seine Farbpalette auf eher dunkle, erdige Schwarz-, Braun- und Grautöne beschränkt ist, die durch Akzente in Blau, Rot und zuweilen Gelb ergänzt werden. Die Sparsamkeit künstlerischer Mittel kennzeichnet die frühen Bildserien von Rao Fu. Diese Bilder greifen die Ästhetik der Transparenz, Reduktion und Ortlosigkeit von chinesischen Tuschebildern auf. Nicht selten beschränkt sich die Darstellung auf eine einzelne menschliche Figur, Pflanze oder Tier, die in wenigen Strichen auf dem unbehandelten Papier dargestellt werden. So beispielsweise die Bilder von Pandabären aus den Jahren 2005–06. An dem Motiv faszinierte den Künstler besonders das maskenhafte Aussehen des schwarz-weißen Fells im Gesicht des Bären. Seinen menschlichen Figuren verleiht er auch oft maskenhafte Züge im Gesicht, um ihre Identität zu verschleiern und fiktive Mischwesen, Chimären, zu erzeugen.

Der Titel der Ausstellung „Chimerika“ besteht aus einem Schachtelwort, das im Sinne des Künstlers einen utopischen Ort beschreibt, an dem sich die Kulturen des Osten (China) mit den Kulturen des Westens (Amerika) sowohl bildnerisch als auch thematisch verbinden. So entstehen Bilder, die selbst Mischwesen, also Chimären, sind. Die Negierung der herkömmlichen Unterteilung des Bildraums westlicher Malerei in Vorder-, Mittel- und Hintergrund in seinen großformatigen Malereien aus den Jahren 2008–10 findet sich in dem additiven Aufbau chinesischer Bilder wieder. Bei „Nausicaä of the Valley of the Wind“ oder „Big Stick“ ist es die Verbindung von Motiven aus unterschiedlichsten Bildquellen, die sich aus visuellen Erinnerungen, kunsthistorischen Vorbildern, Werbung und Nachrichtenbilder beider kultureller und gesellschaftlicher Kontexte speisen. Die voneinander oft getrennten Bildelemente ergeben keinen in sich geschlossenen Erzählstrang, wie auch die Landschaft aus unterschiedlichen Versatzstücken in nicht zu einander passenden Größenverhältnissen und Perspektiven aufgebaut ist. Kleinformatige Arbeiten seit 2009, wie „Tote Oma“ oder „Mahlzeit II“, zeigen häufig häusliche Szenen, gleichsam gemalte Schnappschüsse aus dem Familienleben, wobei die Gesichtszüge der Menschen masken- oder tierhaft wirken. Diese Motive demonstrieren die Universalität der Themen, für einen Moment aus dem Strom der Zeit hervorgehoben, nicht weil sie in ihrer Einzigartigkeit besonders bedeutend sind, sondern eine universelle Identifikation des Betrachters ermöglichen und gleichzeitig verdeutlichen, dass es sich um Chimären handelt, d.h. um Täuschungen, was ein Essenz beinahe jeglicher Malerei ist.

Constanze von Marlin