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göttingen

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Lisa
Oppenheim

11.01. – 24.02. 2013

Everyone’s Camera

Der Kunstverein Göttingen freut sich Lisa Oppenheims (*1975) erste Einzelausstellung in einer deutschen Institution zu präsenieren. In ihrer Soloschau im Kunstverein führt die Künstlerin ihre Erforschung des Mediums Fotografie und seiner Geschichte fort. Die gezeigten Werke besitzen eine atmosphärische Qualität, wobei Muster, Wiederholungen und die Oberfläche der Fotografien selbst eine zentrale Rolle spielen. Ihre Bilder werden ohne die Hilfe einer Kamera produziert. Stattdessen werden ihre Bilder mit Negativen hergestellt, die aus dem Internet stammen–oder Oppenheim kreiert Fotogramme mit Stoffmustern oder im Supermarkt gekauften Blumen, die direkt auf das Papier gelegt werden. Motive, die die frühe Kunstfotografie aufgreifen, zusammen mit dem schwarz-gesättigten oder metallischen Glanz des Papiers, lassen Oppenheims Arbeiten als echte Hommage an den von Hand gemachten Abzug hervortreten. Trotz der Opulenz ihrer Bildsprache behaupten sich weder Romantik noch Nostalgie. Mittels künstlerischer Aneignung, visueller Verkürzung und serieller Anordnung verhandelt die Künstlerin subtil die Auseinandersetzungen, die bis heute die Fotografie bestimmen: die Konflikte zwischen dem Dokumentarischen und dem Symbolischen, zwischen Repräsentation und Abstraktion.

Die Reihe „Smoke“ (2011/12) basiert auf Fotografien aus historischen Archiven sowie auf zeitgenössischen Internetquellen – Bildern, die von Vulkanausbrüchen über Unruhen in London bis zu einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg reichen. Oppenheim schafft mit einem brennenden Streichholz Zweitbelichtungen von Ausschnitten der Bilder. Die folgende Solarisation kehrt hell und dunkel um und lässt die Fotografien aussehen wie Abbildungen von Wolken, so dass ein direkter Bezug auf Alfred Stieglitz’ berühmte Reihe „Equivalents“ entsteht. Die Parallelen zwischen den Rauchquellen und der Entstehung des fotografischen Bildes beschwören Feuer und Zerstörung als unsichtbare Kräfte herauf (offen erkenntlich nur in den Werktiteln), was sich scheinbar gegen Stieglitz’ lyrische Versuche stellt, das Universelle und Erhabene abzubilden.

Ganz ähnlich in der Machart greifen die Werke „Passage of the moon over two hours, Arcachon, France, ca. 1870s/August 11 & 17“, 2012 und „Heliograms“ ebenfalls auf das frühe Interesse zurück, Naturphänomene abzubilden, wobei jene Bilder aus dem 19. Jahrhundert tendenziell wissenschaftlich motiviert waren. Im Gegensatz zu ihnen betonen Oppenheims Reproduktionen den Prozess oder sogar performative Aspekte. Während die Belichtung des Monds auf seiner Bahn über den französischen Nachthimmel ein zweites Mal mit dem Mond der New Yorker Heimat der Künstlerin belichtet wurde, scheinen die „Heliograms“ als eine Art Chronik oder Kalender zu fungieren. Das Negativ wurde über den Tag verteilt mehrmals belichtet, angefangen mit der Morgendämmerung, wobei die Intensität des Abzugs die jeweiligen Lichtbedingungen wiedergibt. Die verschiedenen Lücken in den diversen Sequenzen stehen für ausgelassene Fotografien, also Tageszeiten, zu denen die Künstlerin keine Zeit hatte, die Negative zu belichten. So nehmen Bilder, die einst als wunderbar objektive Abbildungen von Himmelskörpern galten, einen sehr persönlichen und indirekt biografischen Charakter an.

Andere Serien, wie „Leisure Work“ oder „Language of Flowers“, Fotogramme, die mit historischer Spitze oder Blumen als Symbole für diverse Empfindungen arbeiten, scheinen einen weiblichen oder häuslichen Bezugsrahmen aufzubauen. Während die eine Serie als Parallele zu Oppenheims Praxis im Atelier auf die unsichtbaren Mühen des Spitzenklöppelns anspricht – traditionell eine weibliche Tätigkeit – verwendet Oppenheim in der zweiten Serie lediglich die kopflosen Stile von Blumen – im viktorianischen Zeitalter Zeichen der Aufmerksamkeit –, um helle und aggressiv hartkantige Kompositionen entstehen zu lassen.

Fish Scales, Véritable Hollandais, 2012, ist eine Reihe von Photogrammen für die industriell hergestellte Textilien aus den Niederlanden verwendet wurden. Sie imitieren handgemachte Batikstoffe aus Indonesien, werden aber als „authentisch“ afrikanische Textilien verkauft. Für jede Belichtung wurde Stoff direkt auf Fotopapier gelegt und in verschiedenen Winkeln gefaltet, so dass sich, ähnlich dem Moiré-Effekt, diverse Muster ergeben. So entstehen aus kommerziell reproduzierten Mustern Unikate, deren Ursprung den Begriff des Originals und der Kopie hinterfragen. Durch den Bezug auf zeitgenössische Herstellungs- und Vertriebsweisen von den anderen Werken abgesetzt, unterstreicht „Véritable Hollandais“ die Spannungen zwischen dem Foto als kulturellem Artefakt und der Fotografie als endlos variierende Wiedergabe der Welt in der wir leben.

Lisa Oppenheim wurde 1975 in New York geboren. Sie studierte Film und Video an der Bard University und absolvierte das Whitney Independent Studio Program. Von 2003 bis 2005 war sie Gast an der Rijksakademie in Amsterdam. Ihre Arbeiten waren vor kurzem im Deutschen Guggenheim, Berlin zu sehen sowie im Belvedere Museum in Wien und der Ricard Foundation in Paris. Lisa Oppenheim lebt und arbeitet in New York.

Zur Ausstellung erscheint ein Künstlerbuch.