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göttingen

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Nina
Tobien

21.06. – 28.07. 2013

Avertissement

Der Kunstverein Göttingen präsentiert die erste institutionelle Einzelausstellung Nina Tobiens in seinen Ausstellungsräumen im Künstlerhaus (Lichtenberghaus). Auf diesen speziellen Ort nimmt Tobien mittels eines historischen Ereignisses konkret Bezug. 1777 sollte der Zauberkünstler und Illusionist Philadelphus Philadelphia, von Goethe und Schiller bewundert, ein Gastspiel in Göttingen geben. Der berühmte Göttinger Physiker und Mathematiker Georg Christoph Lichtenberg war über die Salonmagie so verärgert, dass er fingierte Reklamezettel anfertigen ließ – ein »Avertissement«, auf dem unglaubliche Wundertaten Philadelphias angekündigt wurden, die dieser natürlich nie würde zeigen können. Der so bloßgestellte Philadelphia verließ Göttingen, ohne eine Vorstellung gegeben zu haben.

In Collagen und Installationen entwickelt Tobien aus dieser Geschichte narrative Konstruktionen, die einem eigenen Ordnungssystem unterliegen. Dabei stehen wahrnehmungstheoretische und epistemologische Fragestellungen in Wissenschaft, Kunst bzw. Zauberkunst und okkulten Phänomenen im Vordergrund. Eigens zu dieser Ausstellung entsteht ein Künstlerbuch, in dem Tobien nach einem festgelegten Aufbau, ähnlich einer Schriftstellerin, eine Geschichte entwirft. Diese »Handlung« entfaltet sich entlang filigraner schwarz-weiß Collagen, die vom Buch in die Ausstellungsräume übersetzt werden. Aus visuellen Fragmenten – des Bauhauses sowie der Minimal Art – entwickelt Tobien diese Collagen als perspektivische (Denk-)räume. Weitere Formen wie Fächer, Falten, Torsionen, Spiralen, Stülpungen, Projektoren und Treppen verweisen auf kognitive Prozesse und konzeptuelle Schemata. Es entstehen dabei Installationen, die eine Vielzahl an Verweisen und Bedeutungspotenzial erzeugen. Diese Installationen werden erst prozesshaft vor Ort geschaffen. Die Metastruktur von Tobiens Erzählung wird letztendlich in ein abstrahiertes Muster transformiert, das Assoziationen mit wissenschaftlichen Modellen, Mindmaps, Diagrammen oder architektonischen Plänen hervorruft. Neben ihren collagenhaften Ensembles wird dieses schwarzweiß Muster oder dieser Plan ein wesentliches Element der Ausstellung bilden, welches als großformatiges Poster von der Künstlerin über die Ausstellungswände plakatiert wird, als Tobiens eigenes, transkribiertes »Avertissement«. Es entstehen dabei bühnenbildartige Präsentations formen, die in ihrer kulissenhaften und surrealen Anmutung vermeintlich gewonnene Erkenntnisse wieder in Frage stellen.

Als zugrunde liegende (Denk-)Struktur der Ausstellung sowie Tobiens Künstlerbuch dient die Möbiusschleife, ein in Göttingen von Listing (zeitgleich mit Möbius) entdecktes topologisches Objekt. Ausgehend von Lichtenbergs »Avertissement«, auf dem eine Darstellung der Welt auf dem Kopf abgebildet ist – Lichtenbergs klare Aussage über die »verkehrte Welt« der Zauberkunst gegenüber der Wissenschaft – verweist Tobien mittels der Struktur der Möbiusschleife auf Themen der Umkehrung, Spiegelung und Entsprechung dieser beiden Felder. Als eine Fläche des »gefalteten Raumes» bildet die Schleife ein Paradox, weil es einen kontinuierlichen Übergang von innen nach außen gibt. Als eine »nicht-orientierbare Mannigfaltigkeit« ist sie zugleich wissenschaftliches als auch »magisches« Objekt.

Nina Tobien (geboren 1978 in Hanau) hat an der Städelschule Frankfurt und die Hochschule für Gestaltung Offenbach studiert und beschäftigt sich mit Archiven und Strukturen in Wissenschaft und Kultur.
Das zur Ausstellung konzipierte Künstlerbuch von Nina Tobien wird von argobooks, Berlin, veröffentlicht.