kunstverein
göttingen

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Philipp
Messner

22.04. – 17.06. 2012

Unknown again

Das nachgebaute trojanische Pferd von Philipp Messner ist zugleich Ausgangspunkt und Herzstück seiner Ausstellung »Unknown Again« im Göttinger Kunstverein, in der er sich mit den Grenzen zwischen dem Virtuellen und dem Materiellen, dem Illusionären und dem Konkreten auseinandersetzt. Am Eröffnungstag wird das überlebensgroße hölzerne Pferd in einer feierlichen Prozession durch die Straßen der Göttinger Altstadt geschoben und dann im mittelalterlichen Bau des Alten Rathauses aufgebaut. Ursprünglich aus dem Epos Homers stammend ist das trojanische Pferd heute als ein Computervirus bekannt, das sich bei seinem Wirt einnistet und dort Verwüstungen anrichtet. Zwar wird die Bedrohung, die möglicherweise von Messners Pferd ausgeht nicht näher benannt, aber eine ähnliche Täuschung wird suggeriert: das Pferd steht für etwas, das man arglos in seine Mitte nimmt und erst später als Köder und Falle erkennt.

Das Alte Rathaus selbst verwandelt Messner in einen hermetisch versiegelten Raum, indem er Fenster und Türen abdeckt. Von außen mit zwei schwarz-weißen Fahnen gekennzeichnet, wird das mittelalterliche Bauwerk so in eine Reihe von Videovorführungsräumen verwandelt – in einen metaphorischen »Pferdebauch«, in dem an verschiedenen Stellen experimentelle Videoarbeiten zu sehen sind.

In einer der Arbeiten ertastet eine große Hand die inneren Grenzen des Monitors. Ein anderes Werk zeigt einen Turm von acht Monitoren mit Aufnahmen einer »Occupy Wall Street«Kundgebung. Die von Youtube.com stammenden Filme mit ihrem persönlich-individuellen Blick bilden ein multiperspektivisches Monument. In einer weiteren Arbeit sehen wir, wie eine Anstecknadel mit dem symbolisch aufgeladenen SS-Totenkopf von einem Zug überfahren und platt gewalzt wird.

Die grobe Qualität der Videos fällt auf. Eine geringe Auflösung, die Verwendung von Handkameras sowie beiläufige Hintergrundgespräche untergraben jeden Eindruck von Ikonisierung und verleihen den Filmen eine fast haptische Qualität. Die Installation als Ganzes veweist auf eine Verlagerung der Position des Betrachters. Charakteristisch für die zuletzt entstandenen dreidimensionalen Objekte und Installationen des Künstlers mit ihren spiegelnden Oberflächen und der reduzierten Ästhetik war der Blick von Außen. Im Gegensatz dazu ist Messners »Unknown Again« ein Blick aus dem Inneren, ein virtuelles Testgelände und Reaktion auf unsere digital vermittelte Erfahrung des Alltags. Jenseits aller Kritik an den Möglichkeiten des Bildes, Wahrheit zu kommunizieren oder Wirklichkeit abzubilden, nimmt die Ausstellung eine skeptische Position ein und fragt, in welchem Ausmaß wir von der Dynamik einer vom (medialen) Bild dominierten Kultur vereinnahmt sind. Was wir sehen oder zu sehen glauben, ist letztendlich immer komplexer, ist immer vielschichtiger kodiert, als es anfangs scheint.

Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich selbst das gewaltige trojanische Pferd als einfacher Esel, dem eine Möhre am Stock vor der Nase baumelt und ihn vorwärts lockt. So nimmt die Aufführung, in der das Tier durch die Straßen geführt wird – ein Akt, der an eine Demonstration oder eine Parade erinnert – absurde Dimensionen an. Doch wie im Don Quijote, aus dem er entlehnt ist, erweist sich der Esel mit der Möhre auch hier als ein äußerst widerständiger Akteur. Als Köder und selbständig Handelnder zugleich ist Messners Esel ein augenzwinkerndes Statement über die Widerspenstigkeit des Bildes. Mit »Unknown Again« lädt Messner den Betrachter dazu ein, dem Esel auf seinem verschlungenen Pfad von der Welt der halluzinierten Erfahrungen in den verdunkelten Raum der isolierten Bilder zu folgen.