kunstverein
göttingen

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We Notice No Disturbances

26.08. – 21.10. 2012

Gruppenausstellung

Mit den Künstlern:
Song-Ming Ang (SGP), Kajsa Dahlberg (SE), Jeremiah Day (USA), Julien Grossmann (F), Sven Johne (D), Sal Randolph (USA), Tomas Werner (CZ)

Kuratiert von Laura Schleussner

Ein antiquiertes Souvenir bildet den Ausgangspunkt für diese Ausstellung, die der Überwindung zeitlicher und geografischer Entfernungen durch Klang gewidmet ist. Die Soundpostkarte - Postkarte und 45er Schallplatte in einem - verkörpert die Vorstellung eines akustischen Bildes, die Übertragung einer persönlichen Nachricht mittels Wort und Ton. Bei einer Postkarte denkt man natürlich ans Reisen. Sie verweist auf das touristische Ritual eine kurze Mitteilung und bunte Bilder als Zeugnis besuchter Orte zu versenden.

Die Arbeiten der Ausstellung reflektieren das Erlebnis des Reisens im Zeitalter der Interkonnektivität, in dem die Geschichten des einen Ortes in die Geschichte des anderen hineinfließen. Die touristische Erfahrung wird als nicht mehr gänzlich harmlos oder unbelastet reflektiert. Als ein Medium, das die Gefühle anspricht, bereichert der Klang die Erfahrung von einem Ort oder einem Ort in der Zeit um eine emotionale Komponente. Als Musik kann er eine bezaubernd hypnotisierende Wirkung entfalten, während er als Aufzeichnung in Echtzeit dem Eindruck von Exotik oder Erhabenheit entgegenwirken kann oder Nostalgie hervorruft. Der Aspekt des Klangs als Notation eines Ortes - in Form eines Textes oder einer Partitur - liegt den Arbeiten der Ausstellung zugrunde, in denen die persönliche Mitteilung oder individuellen Interpretationen des Klangs dazu dienen, das Erleben eines entfernten Ortes zu einer Art Improvisation, Kritik oder mitschwingender Erinnerung zu verdichten.

In You and I (2009) tritt Song-Ming Ang an Fremde mit der Bitte heran, ihm Briefe zu schreiben, die auch persönliche Details über sie selbst enthalten – Erinnerungen, Zwänge, Erfahrungen, Geheimnisse, Ambitionen usw. Aus dem Inhalt der Briefe, gestaltet er ein auf die jeweilige Persönlichkeit zugeschnittenes Mixtape (in Form einer CDR) und schickt es dem Sender als Antwort. Die Briefe und CDs werden mit Einverständnis der Teilnehmer ausgestellt.

Angs Video Be True to Your School (2010) geht auf eine Residency in einem alten Schulgebäude in Japan zurück. Der Künstler lud ehemalige Schüler der Grundschule ein, ihr Schullied vor der Kamera vorzutragen. Erst wurden sie einzeln auf Video aufgenommen. Dabei pausierten viele des Öfteren und hatten sichtbar zu kämpfen sich an den Liedtext zu erinnern. Anschließend wurden die Teilnehmer eingeladen das Lied als Gruppe zu singen. Ang filmte den Chor und begleitete ihn auf dem Glockenspiel.

Kajsa Dahlbergs Installation We notice no disturbances, all are happy and friendly, (Postcards from Jerusalem 22/4 1911–24/1 (1999) besteht aus um die 600 Postkarten, die über den Verlauf von 90 Jahren aus Jerusalem nach Schweden geschickt worden sind. Die Künstlerin entdeckte diese Postkarten im Zuge ihrer Nachforschungen zu einer Gruppe schwedisch-christlicher Siedler in Palästina, die aus ökonomischen Gründen einen Postkartenverlag gegründet hatten. Trotz der recht kurzen Postkartenbotschaften wird das Postkartenarchiv zu einer Chronik sich verändernder Zeiten und historischer Konflikte, die Jerusalem über Jahrzehnte geprägt haben.

Jeremiah Days Arbeit No Words for You, Springfield stellt eine cross-atlantische Untersuchung in Form von 16 Fotografien und einer Performance-Dokumentation dar. Auf der Suche nach nachvollziehbaren Spuren, die die massenhafte Auswanderung der Iren aus den Blasket Islands in die US-Stadt Springfield hinterlassen hat, entdeckte Day, dass sich keine wahrnehmbare irischen Kultur oder Tradition in der neuen Welt erhalten hatte. Stattdessen erlebte er den, für amerikanische post-industrielle Städte typischen, Verfall. Als Dokumentation der urbanen Ruinen von Springfield, sind Days Fotografien mit handgeschriebenem Text beschriftet; Sie finden ihre Entsprechung in den Ruinen auf den Blasket Islands, die in den 1950ern evakuiert worden sind. Durch ein als Text präsentiertes Interview des Historikers Douglas Valentine erhält die Arbeit fast eine archäologische Dimension. Lyrisch fordert sie die Tiefe der amerikanisch-politischen Psyche heraus.

Julien Grossmann hat sich ausgiebig mit frühen ethnographischen Aufnahmen aus aller Welt beschäftigt. Grossmanns Kompositionen für seine Arbeit KOKIN (...) SLENDRO sind in Tonsystemen aus Länder geschrieben. Sie wurden auf Schallplatten gepresst, die in Miniatur weiße Inseln mit sehr unterschiedlichen Landschaftstypen zeigen. Wie von Zauberhand geben die Schallplatten, eine nach der anderen, eine sehr eigene Klanglandschaft von sich, wobei jede Insel sich um ihre eigene Achse dreht.

Sven Johnes letzte Arbeit dreht sich um die Insel Lampedusa und das Paradox dieser Insel als einem Ort, der zugleich Tourismusziel ist und der Ort, an dem unzählige Flüchtlinge aus Afrika angekommen sind oder aber gestorben sind, kurz bevor sie das Ufer erreichen. Die Foto-Serie Traumhotels, die er aus dem Fenster eines bescheidenen Hotels aufgenommen hat, widerspricht der Idealvorstellung eines mediterranen Paradieses und schlägt stattdessen andere, bedrohlichere Realitäten vor.

Sal Randolphs Ambience Scores sind Übertragungen der üblicherweise überhörten Raumklänge. Es sind alphabetisch wiedergegebene Klangkompositionen, die als Möglichkeit den Raum als Stimme aufzuführen gelesen werden können. An ausgesuchten öffentlichen Plätzen in New York, die auf irgendeine Weise politisch aufgeladen sind, entstanden Ambietsounds, die für diese Ausstellung auf einer tragbaren manuellen Schreibmaschine, sichtbar gemacht wurden. Die Serie als Ganzes folgt Randolphs langjähriger Praxis der Sprachzeichnungen und bildet eine Weiterentwicklung ihres Interesses an Instructional Art.

Als ausgesprochen zeitgemäße Auffassung von Soundpostkarten ist Tomas Werners Videoarbeit Landscape Spectacle bei einem Besuch des Künstlers im Grand Canyon entstanden. Eine statische Aufnahme der majestätischen Landschaft wird gezeigt, während man im Hintergrund die Vielzahl der Stimmen der Touristenmassen hört, die diesen klassischen Aussichtspunkt besuchen und verlassen - ein Konzert der Sprachen und Ausrufe von einer halben Stunde Dauer.